Nokia 7.2 im Test: Hübsch, günstig aber auch gut?

Nokia 7.2 Rückseite Kritik

Im Oktober hat HMD Global mit dem Nokia 7.2 ein optisch wirklich hübsches Smartphone veröffentlicht. Angesiedelt in der Mittelklasse soll es trotz einem Preis von rund 280 Franken technisch überzeugen. Mit einer Dreifachkamera von Zeiss und einem Pure-Display soll das Handy seine Konkurrenz im gleichen Preissegment hinter sich lassen.

Ich habe das Nokia 7.2 bereits im Oktober erhalten und habe es nun rund zwei Monate lang ausgiebig getestet. Dafür habe ich das Handy als Hauptgerät genutzt, um euch einen ausführlichen und fundierten Erfahrungsbericht liefern zu können.

Inhaltsverzeichnis

Aussehen und Verarbeitung

Das Nokia 7.2 ist ein farblich wunderschönes Smartphone. Ich hatte bereits in einem früheren Beitrag geschrieben, dass ich mich in die grüne Variante des Geräts verliebt habe. Das liegt hauptsächlich an der Farbe Cyan Green. Bei einem Treffen mit HMD Global hatte mir ein Verantwortlicher des Start-ups gesagt, dass man nicht sicher gewesen sei, ob die Farbe funktionieren werde. Ich kann dazu nur sagen: Oh doch, sie tut es!

Nokia 7.2 Test/Review Cyan Green

Ansonsten ist das Design nicht aussergewöhnlich. Am ehesten dürfte noch der runde Kamerabuckel mit den drei Linsen auffallen. Damit kehren die Nokia-Smartphones zu ihren Lumia-Wurzeln zurück und stechen gleichzeitig aus der Masse heraus. Sieht man sich das Mate 40 Pro von Huawei oder das OnePlus 7T an, dürfte dieses runde Kamera-Design wohl die Zukunft sein – nebst der eckigen Variante von Apples iPhone und Googles Pixel.

Auch auf der Vorderseite gibt es keine speziellen Designmerkmale. Das Display und die Ränder sehen im Wesentlichen in etwa so aus, wie bei der Konkurrenz. Einzig bei der Tropfenform der Selfie-Kamera hebt sich das Nokia 7.2 etwas von anderen Smartphones ab.

Bei den Anschlüssen gibt es alles, was das Herz begehrt. Wer noch einen Kopfhörer mit 3.5-Millimeter-Klinkenstecker hat, wird sich über den entsprechenden Anschluss freuen. Froh bin ich darüber, dass man per USB-C laden kann – alles andere hätte mich enttäuscht. Wer seine Kopfhörer übrigens via USB-C anschliesst, wird sich sicher freuen, dass das Nokia 7.2 aptX unterstützt.

Nokia 7.2 Test/Review Cyan Green

Bei der Rückseite kommt satiniertes Glas zum Einsatz, das Gehäuse ist aus einem Hightech-Polymer-Verbundwerkstoff. Was das nun genau ist, weiss ich nicht, aber das Gehäuse fühlt sich in der Hand jedenfalls sehr angenehm an. Und wer Fingerabdrücke auf dem Gehäuse hasst, kann ich beruhigen: Zwar bleiben manchmal Fingerabdrücke zurück, aber diese sieht man nur, wenn man bei richtigem Lichteinfall ganz genau hinschaut.

Insgesamt ist das Nokia 7.2 in Cyan Green ein sauber verarbeitetes Smartphone mit einer tollen Rückseite und einer Farbe zum Verlieben. Die Vorderseite ist zwar kein Design-Meilenstein, aber auch nicht hässlich – eben zeitlos, wie es die Marketingabteilung von HMD Global formuliert.

Die Sache mit dem Pure-View-Display

Beim Display patzt das Nokia 7.2 das erste Mal. Beim 6.3 Zoll grossen Screen kommt ein IPS-LCD-Display zum Einsatz. Gegenüber einem OLED-Screen hat das den Nachteil, dass es etwas mehr Strom verbraucht. Allerdings kann man bei einem Handy für unter 300 Franken auch kein teures OLED-Display erwarten.

Nokia 7.2 Test/Review Cyan Green

Gepatzt hat HMD Global beim gross angepriesenen PureDisplay. Dieses sollte HDR-Konvertierung in Echtzeit ermöglichen. Falls dir HDR jetzt nichts sagt: Damit sehen Bilder und Videos viel satter und kontrastreicher aus, was im Endeffekt natürlich schönere Videos verspricht. Das Problem: Das PureDisplay ist fehlerhaft. War die Option bei mir aktiviert, konnte ich keine YouTube-Videos mehr im Querformat (Full View) gucken. Warum? Weil die Wiedergabe dann plötzlich aussah wie ein Negativ eines Fotos. Das PureDisplay hat also die Farben des Videos invertiert, wodurch es natürlich unschaubar wurde.

Ich habe keine Ahnung, ob das nur bei gewissen oder allen Geräten vorkommt. Allerdings hat eine kurze Recherche im Nokia-Forum ergeben, dass ich nicht der Einzige mit diesem Problem bin. Inzwischen hat HMD Global diesen Bug mit einem Update “gelöst”: Das PureDisplay ist nun standardmässig deaktiviert und lässt sich auch in den Optionen nicht mehr einschalten. Da kann man nur hoffen, dass der Bug irgendwann tatsächlich behoben wird und die Option bald wieder zur Verfügung steht.

Software: ein Schluckauf bei den Updates

Ein grosses Verkaufsargument von HMD Global für seine Nokia-Smartphones ist das pure Android und die Updates. Diese werden meist nicht nur länger ausgeliefert als bei der Konkurrenz, sondern auch schneller. Beim Nokia 7.2 hat das allerdings einen Moment lang nicht geklappt. So hatte ich Ende November noch immer den Sicherheitspatch des Septembers auf dem Gerät. Dafür kam dann im Dezember gleich der Sicherheitspatch für den November. Man hat also den Oktober wohl gleich mit dem Novemebr-Patch nachgeliefert.

Für mich ist das im Moment nur ein kleiner Ausrutscher, denn in der Vergangenheit war die Update-Politik von HMD Global wirklich top. Ich hoffe also, dass dieser eine Ausrutscher eine Ausnahme bleibt.

Turbo-Mittelklasse oder lahme Gurke?

Wer sich ein Smartphone für unter 300 Franken kauft, muss sich einfach bewusst sein, dass man auch gewisse Abstriche machen muss. Beim Nokia 7.2 macht sich das vor allem bei der Geschwindigkeit bemerkbar. Das Meiste wirst du aber mit dem Gerät zügig erledigen können. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich das Handy in meiner zweimonatigen Testzeit aufgehängt oder geruckelt hätte.

Wo das Smartphone allerdings etwas Mühe bekundet, ist bei Apps, die etwas mehr Rechenleistung erfordern. Beispielsweise, wenn man sich bei Twint einloggen möchte und “Login mit Fingerprint” aktiviert hat. Da kann es dann schon einmal ein paar Sekunden dauern, bis die App offen, das Loginfeld geladen ist und man dann zum Fingerprint-Login weitergeleitet wird. In solchen Momenten habe ich mich dann ab und an etwas genervt, vor allem, wenn es schnell gehen soll. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass solche Situationen natürlich nicht sehr häufig vorkommen.

Nokia 7.2 Test/Review Cyan Green Rückseite

Wo man die fehlende Prozessor-Power allerdings merkt, ist bei der Kamera. So gerne ich dem Nokia 7.2 hier eine gute Note geben möchte – es geht nicht. Manchmal dauert es fast zwei Sekunden (ich hab’s gemessen), bis die Kamera-App offen und einsatzbereit ist. Auch wenn man den Auslöser drückt, ist die Kamera-Software eher gemächlich unterwegs. Damit ist die Kamera für sich schnell bewegende Objekte eher nicht geeignet.

Ein Beispiel: Ich wollte im Zug kurz vor Thalwil den Sonnenaufgang über dem See fotografieren. Ich fokussiere, drücke auf den Auslöser. Weil die Software aber einen Moment brauchte, um auszulösen, war danach leider ein Haus anstatt des Sonnenaufgangs drauf. Ich habe am nächsten Tag an gleicher Stelle ein Highend-Smartphone benutzt, um das Foto zu machen und siehe da: kein Haus auf dem Foto. Hier macht sich also der fehlende Highend-Prozessor deutlich bemerkbar. (Über die Fotoqualität sagt das natürlich nichts aus. Dazu lest ihr hier mehr).

Eine Taste für Google Assistant – braucht’s das?

Wie so viele Smartphones in letzter Zeit kommt auch das Nokia 7.2 mit einem Button für den Google-Assistant. Ich muss sagen, ich mag diese Buttons nicht. In der Schweiz ist der Google-Sprachassistent sowieso nicht so nützlich und ich komme einfach andauernd aus Versehen auf diesen Button. Das führt dann dazu, dass beispielsweise meine Musik unterbrochen wird, wenn ich das Handy zurück in meine Hosentasche schiebe. Glücklicherweise kann man den Google Assistant aber deaktivieren. Cool wäre es natürlich, wenn man diesen Button von Haus aus mit einer neuen Funktion belegen könnte.

Nokia 7.2 Test/Review Cyan Green

Eine Dreifachkamera für Geduldige

Wie bereits erwähnt, kommt das Nokia 7.2 mit einer Dreifach-Kamera daher. Diese hat HMD Global zusammen mit Zeiss entwickelt, was für gute Fotos sorgen soll. Wie bei Nokia-Smartphones üblich glänzt die Kamera vor allem mit einer sehr natürlichen Farbwiedergabe. Damit wird sich das Handy bei dir vor allem beliebt machen, wenn du Landschaften fotografierst.

Etwas Mühe hat die Kamera mit schlechtem Licht. Oftmals dauert es einen Moment, bis im Automatikmodus die Belichtung angepasst wurde. Das führt dazu, dass Fotos, wenn man nach dem Starten der Kamera zu schnell auf den Auslöser drückt, etwas dunkler geraten. Hier muss man sich einfach einen Moment an die Geschwindigkeit der Kamera gewöhnen.

Nokia 7.2 Test/Review Cyan Green Dreifach-Kamera

Tiefenunschräfe meistert das Nokia 7.2 gut, wenn das Motiv nicht zu filigran ist. Das war beim Test mit dem 4.2 noch anders. Es ist schön zu sehen, dass der Bokeh-Effekt nun auch in der Mittelklasse ein solides Niveau erreicht hat. Dennoch finden sich ab und an kleinere Unregelmässigkeiten in der Tiefenunschärfe.

Nokia 7.2 Tiefenunschärfe
Bei der Markierung sieht man, dass der Übergang des Bokeh-Effekts ziemlich hart ausfällt.

Schade finde ich, dass es keinen Modus nur für die Blende gibt, wie es zum Beispiel bei Huawei-Smartphones der Fall ist. Ich habe jedenfalls keine Einstellung gefunden, bei der ich den Bokeh-Effekt Live und vor dem Fotografieren verändern konnte. Mit Google Fotos kann man das immerhin im Nachhinein tun.

Keine Wunder sollte man beim Nachtmodus erwarten. Zwar gibt sich das 7.2 Mühe, doch bei wenig Umgebungslicht hat man doch schnell Bildrauschen im Foto. Dennoch sind die Fotos bei genügender Strassenbeleuchtung akzeptabel.

Nokia 7.2 Aufnahme bei wenig Licht
Ein Foto, aufgenommen bei der Dämmerung.

Beim Funktionsumfang der Kamerasoftware gibt es alles, was man benötigt. Gimmicks, wie man sie oft bei teureren Handys findet und die auf die Social-Media-Generation abzielen, gibt es nicht. Das kann man jetzt gut finden oder auch nicht. Für mich ist es ersteres. Lieber eine schlanke Kamerasoftware, die sich auf das Wesentliche beschränkt. Immerhin gibt es einen Eins-zu-eins-Fotomodus, mit dem man instagramme Videos Bilder machen kann.

Wie lange hält der Akku wirklich durch?

Beim Nokia 7.2 ist ein 3500 mAh grosser Akku verbaut. In meinem Test reichte das bei mir meist, um ohne Laden durch den Arbeitsalltag zu kommen. Allerdings musste ich das Nokia dann sicher über Nacht aufladen, ansonsten hätte es am nächsten Tag nicht mehr weit gereicht. Allerdings muss sich auch sagen, dass ich mich als Heavy-User sehe. Ich pendle drei Stunden pro Tag und in dieser Zeit streame ich Musik, Hörbücher, Videos und surfe im Netz.

Wer sein Smartphone also nicht so häufig braucht, dürfte keine Probleme haben, mehr als einen Tag über die Runden zu kommen. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass das Nokia 7.2 zwei Tage ohne Laden durchhält – ausser man braucht es wirklich nur zum Telefonieren und Nachrichten schreiben.

Etwas länger geht das Aufladen des Akkus. Bei mir hat es etwa zwei Stunden gedauert, bis der Akku jeweils wieder vollständig geladen war. Klar, das ist jetzt nicht alle Welt, allerdings bin ich mir da von Mittelklassegeräten schon auch besseres gewohnt. Sein Gerät vor dem Arbeiten mal eben schnell eine Viertelstunde an die Steckdose hängen, um dann wieder genug Saft für ein paar Stunden zu haben, könnt ihr damit vergessen.

Fazit zum Nokia 7.2

Ich denke, das Nokia 7.2 ist für den Preis keine schlechte Investition. Farblich ist es aktuell wohl eines der schönsten Smartphones in der Preisklasse unter 300 Franken (64 GB-Variante). Die Geschwindigkeit ist okay, ausser, wenn es um die Kamera geht – da strapaziert das Handy manchmal etwas die Nerven. Die Fotoqualität überzeugt dafür mit natürlichen Farben, für mich ein Markenzeichen von Nokia-Handys. In der Nacht darf man nicht zu viel erwarten, aber bei genügend Umgebungslicht gelingen ganz passable Fotos.

Nokia 7.2 Test/Review Cyan Green Porträt

Der Akku verblüfft nicht mit einer aussergewöhnlichen Ausdauer, reicht aber, um einen intensiven Arbeitstag zu bestreiten. Unter dem Strich ist das Nokia 7.2 damit ein Gerät für alle, die einfach ein günstiges Smartphone für den Alltag möchten, das alle Arbeiten ordentlich verrichtet. Nicht empfehlen würde ich das Telefon jemandem, der andauernd Fotografiert, da euch die eher langsame Reaktionszeit der Kamerasoftware mit der Zeit echt nerven wird. In diesem Fall solltet ihr 500 Franken investieren, um ein ordentliches Kamera-Handy zu bekommen.

In der Schweiz kostet das Nokia 7.2 aktuell 322 Franken (128-GB-Variante), respektive 279 Franken, wenn ihr euch für 64 GB Speicher entscheidet. Wie immer lohnt es sich, zu vergleichen. In Deutschland kriegt man das Nokia 7.2 mit 64 GB internem Speicher online schon für rund 270 Euro. Wer lieber die 128-GB-Variante möchte, bezahlt aktuell rund 328 Euro.

Übrigens: Falls es nicht das allerneuste Handy sein muss, schau dir doch meinen Test zum Nokia 7.1 an.

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